Der Schnupfen, der nicht weggeht
Johanna09. Januar 2010, 19:08 Uhr
Allgemein - Geile Sachen mit Kindern. - Politik & Weltgeschehen

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Ich fühle mich heut aufrgund von diesen drei Blogeinträgen dazu berufen, zu dem Thema “der Druck, ein Partylöwe zu sein Schrägstrich dauernd irgendwas zu tun haben zu müssen” mein knallhartes Statement abzugeben.
Dieser furchtbare gesellschaftliche Schnupfen, der nie weggeht, fällt mir jetzt schon seit mehreren Jahren in der Mitte meiner Altersgenossen auf und ich muss zugeben, dass ich einige Zeit auch infiziert war. Wir als G8- und Drecksreformgeplagte Schüler und Studenten sind so ziemlich die stressgeplagte mittlere Jugend der Zeit, wir haben keine Ahnung, wofür wir das eigentlich machen, aber da wir ja nicht allein sind, machen wir eben weiter, auf der ewigen Jagd nach etwas, das wir noch nicht kennen. Dass wir perspektivlos sind, auf eine emotionale Art und Weise, diese “irgendwas-mit-Medien”- Mentalität, das ist ja alles inzwischen akzeptierter Alltag. Wo unsere Eltern noch Träume hatten, stolpern wir so quer durch die 23649250470.00000 Möglichkeiten, die uns die globalisierte Welt auf dem Silbertablett serviert, manche schwerer, manche einfacher zu erreichen, aber irgendwie trotzdem alles nichts, was das komische Loch da in uns auffüllt. Alles in uns schreit nach mehr, wir wollen immer das, was wir nicht haben. Ewige Unzufriedenheit, ratternde Nervosität, wir werden nicht satt.
“Stolpern” ist glaube ich sowieso ein sehr guter Begriff für unsere Art und Weise, unsere Zeit zu verbringen, ein monotones Stolpern: Stolpern aus dem Bett, stolpern in die Schule, Stolpern ins Bett. Das Ganze mal 5.
Dann stoplern in ein Glitzertop, stolpern in einen Club, erleben, erleben, Rausch, Farben, Kotze, Filmriss, Stolpern aus dem Bett, Stolpern an den Mittagstisch. Stop. Dann ein komisches Glücksgefühl. Ich habe etwas erlebt. Für ein paar Stunden füllt sich das komische Loch in dir. Du bist zufrieden, weil du denkst, du hast gelebt, und nicht nur existiert. Das “erleben” hat sich eingestellt, wir stoplern weiter. Und nach 2 Wochen wissen wir gar nicht mehr, was genau an dem Abend passiert ist, weil der Prozess eben bei “Erleben” aufhört, für den Rest ist keine Zeit; wir stolpern weiter. It seems alright as long as something’s happening.
Der Satz “ich glaube, ich bleib am Wochenende mal zu Haus” erzielt auf Schulhöfen so ziemlich denselben Effekt, als würdest du lauthals über Juden und Schwule herziehen. Solche Sätze wie “lebe für den Moment”, “lebe jeden Tag, als wäre es dein Letzter” treffen den Zeitgeist zumindest an Freitagen und Samstagen punktgenau.
Aber ich sage (und das ist jetzt das Schockierende): Zum Teufel mit solchen Sprüchen! Zum Teufel mit Glitzertops und dieser Lüge, man würde was erleben, weil man Samstags besoffen durch schwitzige Clubs fällt! Zum Teufel mit den paar Stunden geheuchelter Erfüllung!
Denn im Endeffekt hast du nichts davon als ein großes Zeit- und Schlafdefizit, den Spaß, den du dabei hast heuchelst du dir mindestens nach dem 3. Wochenende in Folge sowieso nur vor, weil du diesen Druck hast, deine Zeit auf Erden zu leben, und nicht zu existieren. Erleben ist, wie B. schon so treffend gesagt hat, nichts, ohne seine Brüder Verstehen und Verarbeiten. Ständiges Berieseln- Lassen geht nicht nur mit einem TV- Gerät, sondern auch im wirklichen Leben, und genau das ist es, was die meisten Menschen tun, wenn sie sich sagen “Ich kann heute nicht zu Hause bleiben, ich war gestern schon zu Hause!”. Wir setzen uns freiwillig diesem gesellschaftlichen Party- Druck aus, weil wir dann hinterher mit einem Anerkennungs- Leckerli belohnt werden. Wir fühlen uns lebendig, und wir haben viele Sauffreunde, die uns das auch oft genug sagen. Auch ein wichtiger Faktor: das seltene Gefühl, nicht allein zu sein. Dieser Schnupfen verbindet uns, eine traurige Gemeinsamkeit, die uns als Leidensgenossen zusammenbringt. Im Gehirn wird die Frage “Was will ich tun?” bei der Frage “Kommst du am Wochenende mit in den-und-den-krassen-neuen-Club?” inzwischen einfach übergangen, und das merkt man auch schwer. Jedenfalls kam bei mir irgendwann nach der 35. immergleichen Kneipenrunde der Gedanke auf “Shiat, ich hab doch eigentlich gar keinen Bock hier drauf!” und seitdem kann ich “Nein” sagen. Ich bin nicht gegen Partys, ich bin kein Mensch, der sich gern wortwörtlich “einem guten Buch und einem heißen Kaffee widmet”, ich weigere mich nur schlicht und einfach dagegen, meinen eigenen Willen zu verlieren, und weil es sehr befreiend war, auf die anderen zu scheißen, verspüre ich den Drang, das irgendwie in die Welt zu posaunen.
Letztlich braucht man irgendwann auch mal die Zeit zum Reflektieren, zu Raffen, dass man immer älter wird und irgendwann mal wissen muss, was man eigentlich will. Die Zeit, in der man aufhören kann, sich berieseln zu lassen, und das Ganze mal ein wenig zu hinterfragen. Wenn der Lerneffekt lange genug ausbleibt, dann landen wir mit Sicherheit irgendwann ganz woanders, als wir es ursprünglich mal wollten. Falls wir überhaupt jemals die Zeit hatten uns zu fragen, was wir wollen. Was wir im Moment wollen und was wir später vorhaben zu tun.
Es ist sowieso unmöglich “nichts zu verpassen” im Leben. Die Hauptsache ist, dass man sich im hier und jetzt wohlfühlt, egal ob man in ‘nen Sessel pupst oder gerade ohne Kohle auf dem Weg nach Las Vegas ist. Wenn du glücklich dabei bist, ein Leben lang am selben Ort zu leben, einen langweiligen Job zu haben und am Wochenende fern zu sehen- dann ist doch alles gut! Bereuen sollte man im Allgemeinen nicht. Und man kann sich keine Vorwürfe machen, wenn man weiß, dass man sich bei dem, was man getan hat im Leben, immer bestmöglich gefühlt hat und der Moment ein Glücklicher war.
Nur darf eben nie der “Was will ich überhaupt?”- Prozess im Hirn so lange ausgeschaltet bleiben. Will ich auf dieses Konzert, oder doch lieber Pizza und das 6384. Mal Pulp Fiction? Will ich überhaupt, dass ihr alle mich mögt? Will ich überhaupt eure Anerkennung, und wieso? Scheiß drauf. Es lebt sich sehr viel zufriedener, wenn man sagen kann “ich hab heut Bock drauf, was zu verpassen”. Verpassen wirst du immer irgendwas Tolles. Es gibt kein “echtes, erfülltes Leben”.


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