
Ab und zu muss man eben auch mal was Ernstes von sich geben, und das werde ich jetzt tun.
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau von Soldaten der roten Armee befreit. Heute leben wir scheinbar in Toleranz und Akzeptanz miteinander. Scheinbar.
Wenn wir über den Nationalsozialismus reden, dann sprechen wir immer nur von der Vergangenheit, von Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern, die so weit weg scheinen, dass es uns schwerfällt, zu begreifen, wie sehr Menschen unter diesem Terror leiden mussten.
Doch ist die Nazizeit wirklich so weit weg? Ich würde diese Frage gerne mit einer wahren Geschichte beantworten, die ich selbst vor zwei Jahren miterlebt habe.
Damals habe ich an einer dreitägigen Exkursion zum KZ Buchenwald teilgenommen. Es waren drei sehr intensive und emotionale Tage, bei dem jeder von uns den Schrecken erstmals direkt vorm geistigen Auge sah. Wir standen an den Plätzen, wo damals die Leichen aufgetürmt lagen, haben die ehemaligen Baracken besucht und haben sogar im ehemaligen SS- Gebäude übernachtet. Am vorletzten Tag haben wir morgens die Öfen besichtigt. Es war eine sehr aufwühlende Erfahrung und die Meisten von uns konnten die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wir alle waren wie erschlagen von der Grausamkeit. Aber noch schien diese Grausamkeit allein in der Vergangenheit zu liegen.
Diese Ansicht änderte sich am Nachmittag desselben Tages. Wir unternahmen einen Ausflug in die Innenstadt von Weimar zusammen mit einem Betreuer, der uns die Stadt zeigte. Als wir das Goethe-Schiller- Denkmal passierten, begannen zwei Jugendliche, ein rassistisches Lied anzustimmen um einen meiner Mitschüler zu beleidigen, einen Kenianer. Er selbst hat die Beleidigung ignoriert und wollte einfach weitergehen- vermutlich kannte er ähnliche Situationen schon- aber unser Betreuer stellte die Jungs zur Rede und es kam zu Handgreiflichkeiten und Beleidigungen. Der größte Schock allerdings war, als einer der Beiden rief:“Ihr gehört nach Buchenwald in die Öfen!“ Die Szene endete mit einem Polizeieingriff.
Jeder von uns hat bei diesem Ausflug mehr gelernt, als es jedes Lehrbuch hätte zustande bringen können. Auf eine sehr unangenehme Art und Weise haben wir die grausame Vergangenheit und die harte Realität gleichzeitig begriffen. Wir haben gelernt, dass die Vergangenheit bis heute ihre grausamen Nachwirkungen hat und vielleicht immer haben wird.
So wurde das Gefühl, das Tausende von Menschen ertragen mussten, erstmals greifbar, mit dem Unterschied, dass wir uns heute wehren konnten und durften.